Wenn Jessica Bauer morgens die Tür zur ihrer Arbeit aufschließt, weiß sie nie, was sie den Tag erwartet. Denn nur, weil sie im modernen Hosenanzug sich an den Schreibtisch setzt, um die Geschicke der Firma ihres Vaters zu leiten, heißt das nicht, dass sie so auch in den Feierabend geht.
Die 26-Jährige ist Bergeleiterin beim Abschleppunternehmen Bauer in Straubing. Schon seit ihrer Kindheit ist sie auf dem Hof heimisch. "Ein Highlight für mich war, als ich Fangen oder Verstecken hinter den Lastern gespielt habe", erinnert sich die junge Frau. Doch irgendwann reichte ihr das nicht mehr. Mit zwölf Jahren saß sie dann erstmals auf einem Radlader zum Schneeschieben. "Man hat gemerkt, dass sie Interesse am Gerät und der Maschine hat", weiß Vater Michael. Der Führerschein mit 17 Jahren war die logische Konsequenz.
Seit rund sieben Jahren ist sie nun auf der Straße unterwegs und mit ihren Kollegen ein eingespieltes Team. Vorurteile gegen Frauen gibt es hier keine mehr. "Ich weiß, wie ich meine Arbeit zu tun habe, da ist mir gleich, wie die Leute mich angucken. Da muss man sich in seiner Arbeit beweisen, was sehr gut geklappt hat und das Feedback ist positiv", erzählt sie.
Wie professionell sie ihren Job beherrscht, zeigt sich nur wenige Momente später. Ein Lastwagen hat einen Motorschaden und kommt nicht mehr vom Fleck. Ein Job für Jessica Bauer und ihren Kollegen. Schnell schlüpft sie vom Blazer in die Arbeitsklamotten und rollt im Bergelaster los. Routiniert checkt sie den havarierten Brummi, ehe sie ihn an die Angel nimmt. Für sie ein leichtes Unterfangen, auch wenn Jessica froh ist, dass die Kardanwelle dieses Mal nicht betroffen ist: "Sonst hätte man unter den Lkw klettern und die Schrauben aufdrehen müssen. Das ist eine ziemliche Drecksarbeit."
Wie dreckig dies werden kann, zeigt sich an einem anderen Tag auf der A3. Bei Straubing ist ein mit 26 Tonnen Tierhäuten beladener Sattelzug von der Autobahn abgekommen und teilweise umgestürzt. Bei einem äußerst unangenehmen Geruch muss Jessica mit ihren Kollegen den Brummi wieder zurück auf die Autobahn hieven. Ein Auftrag, der vom Team alles abverlangt, was Jessica Bauer aber sichtlich genießt: "Für mich ist es nichts, im Friseurladen zu stehen!"
Vorbehalte vom "starken Geschlecht" gibt es nur selten. Zwar bekomme sie immer mal wieder einen Spruch gedrückt, dass ihr ein Mann eben helfen will, aber dagegen weiß sie sich zu behaupten. Lediglich einmal schlug ihr Unverständnis entgegen. "Als ich aus dem Laster ausstieg, meinte ein Polizist zu mir, dass ich nicht fahren dürfte, da das schon offene Straße sei. Er schaute dann etwas komisch, als ich ihm meinen Führerschein zeigen wollte", schmunzelt sie.
Jessica Bauer hofft, auch ein Vorbild für andere Mädchen und Frauen sein zu können, die möglicherweise Interesse an einem technischen Beruf haben: "Nur weil es nicht typisch ist, als Frau Lkws zu fahren, abzuschleppen oder zu bergen, sollte keine Frau irgendwie Scheu davor haben!"